An den Wurzeln der evangelischen Christen in Bayern
Eine der ältesten protestantischen Kirchengemeinden in Oberbayern ist Oberallershausen. 1803 hatte das Bayerische Religionsedikt die bis dahin bestehende ausschließliche Katholizität des Landes zugunsten aller christlichen Untertanen aufgehoben , seitdem setzte allmählich die Einwanderung von Bauernfamilien aus der Rhein - Pfalz und aus dem Badischen ein. Die dort herrschenden Gesetze der Realteilung im Erbfall hatten zu immer kleineren, nicht mehr überlebensfähigen Hofstellen geführt. So waren die überwiegend protestantischen Bauern dieser Gegend zur Auswanderung gezwungen.
In Oberallershausen, westlich von Allershausen an der Glonn gelegen (und heute durch die Autobahn München - Nürnberg vom Hauptort getrennt) trafen die ersten Aussiedler in den zwanziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts ein. Da in der Gegend aufgelassene Höfe und Land zu weit günstigeren Bedingungen als in ihrer alten Heimat erworben werden konnten, wuchs ihre Zahl stetig. Anfängliche Konfrontationen mit der einheimischen rein katholischen Bevölkerung blieben nicht aus, jedoch konnten sich die evangelischen Neuankömmlinge durch Glaubensstärke und Fleiß mit den Jahren deren Anerkennung zu erwerben. Heute achtet hier jeder den Glauben des anderen; die Ökumene hat segensreich gewirkt und Heiraten zwischen Angehörigen verschiedener Glaubensbekenntnisse sind zur Normalität geworden.
1833 kam es zur Gründung der Gemeinde Oberallershausen, im Jahr darauf wurde das Pfarrhaus erbaut, 1837 die Kirche und das Schulhaus folgte 1876. Aber erst auf wiederholtes Drängen der Gemeinde – zu dieser Zeit mit etwa 550 Seelen die zahl- reichste nach der Muttergemeinde München - wurde am 10. April 1879 das Vikariat mit einem persönlichen Schreiben König Ludwigs II zur Pfarrei erhoben. Auf den drei Kirchenglocken steht ein Bibelwort, das den Auftrag und das Leben der Gemeinde gut beschreibt:
Heute, im Jahr 2001, zählt die Gemeinde 2700 Gemeindeglieder, Tendenz steigend. Viele junge Familien haben sich hier angesiedelt. Grund dafür sind zum einen die verkehrsgünstige Lage zu München (ca. 30 km); zum anderen der neue Münchner Flugplatz bei Freising (ca. 20 km). Gerade letzterer hat besondere Auswirkungen auf die Region: Zwar bietet er ein besonders großes Angebot an Arbeitsplätzen (die Arbeitslosenquote ist in Bayern nirgends so gering wie in dessen Umland), doch darf nicht übersehen werden, dass sich die Infrastruktur mit den Jahren merklich zum Nachteil für einen großen Teil der Bevölkerung verändert hat. Beispielsweise durch drastische Erhöhung der Grundstückspreise und damit zwangsläufig auch der Wohnungsmieten, durch allgemeine Preissteigerungen für die Dinge des täglichen Bedarfs, besonders aber durch den ständig steigenden Fluglärm und die - für aufmerksame Beobachter leicht zu erkennende - recht unangenehme Luftverschmutzung. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, festzustellen, ob sich alle Vor- und Nachteile einmal auszugleichen vermochten...
Die immer vielfältigeren Aufgaben der Gemeindeführung werden zur Zeit von zwei Pfarrern übernommen. Dabei wurde dem zweiten von der Kirchenverwaltung zunächst nur eine halbe Stelle zugesprochen; die Gemeinde hofft jedoch, dass daraus in absehbarer Zeit die für das große Gemeindegebiet dringend notwendige zweite Pfarrstelle entsteht. Diesem „halben“ Pfarrer, dessen Ordination am 24. Mai, 2001, in der Oberallershausener Kirche gefeiert wurde, obliegt der Gemeindesprengel in und um Fahrenzhausen bis nach Kranzberg – Oberallershausen selbst wie auch Schweitenkirchen, Paunzhausen, Hohenkammer und Kirchdorf werden weiterhin vom ersten Pfarrer betreut. Beiden steht der Kirchenvorstand mit z.Z. vier weiblichen und sechs männlichen Mitgliedern zur Seite. Er wird als vordringlichste Aufgabe in den nächsten Jahren die beschlossene Errichtung eines modernen Gemeindehauses zu veranlassen haben.
Über aktuelle Veranstaltungen und Angebote informiert der vierteljährig erscheinende Gemeindebrief.
Historische Daten und Fakten
Am 12. Mai 1799 feierte in Bayern, im Nymphenburger Schloss zu München, der evangelische Geistliche Dr. Ludwig Friedrich Schmidt den ersten protestantischen Gottesdienst seit der Reformationszeit. In einem Land also, dessen Kurfürstentum es über 200 Jahre lang verstanden hatte, den Katholizismus ungemischt zu erhalten. Welche Gründe gab es für dieses Ereignis, das damals bestimmt größtes Aufsehen erregte?
Nach dem Tod des Kurfürsten Karl Theodor übernahm der Wittelsbacher Max Joseph – der spätere erste König von Bayern - im Februar 1799 die Nachfolge. Seine Frau aber, Karoline Wilhelmine von Baden, war evangelisch. Ihrem gleichfalls evangelischen Gefolge gehörte auch ihr Beichtvater, der später zum Geheimen Kabinettsprediger ernannte Dr. Schmidt, an. Das Zeitalter der Aufklärung, der Toleranz zog herauf und der Freiherr und spätere Graf Maximilian von Montgelas, der mit staatsmännischer Eloquenz brillierende Politiker, war unter Max Joseph wirklicher geheimer Staats- und Konferenzminister. Keineswegs selbst dem Christentum verbunden, sah er jedoch in ihm wie in der Kirche durchaus die Vorteile, die sie für Moral und Erziehung der Untertanen bringen konnten. Sein Machtverständnis sah jede Kirche dem Staat untergeordnet; das Religionsedikt von 1803 sprach allen christlichen Untertanen die gleichen Rechte zu.
Damit war die rechtliche Basis für den Zuzug protestantischer Neubürger in Bayern geschaffen. Andererseits kam es zu sehr empfindlichen Machtbeschränkungen des Katholizismus mit teilweise leider brutalen Säkularisierungsexzessen – zu verstehen wohl nur mit der absolutistischen Staatsräson Montgelas.
Zwar setzte die erste Einwanderung von Pfälzern nach Oberbayern schon ab 1801 ein, doch erst ab etwa 1820 trafen die ersten Neubürgerfamilien in der Gegend von Oberallershausen und der weiteren Umgebung des Kreises Freising ein. Seit 1829 war Kemmoden (westlich von Pfaffenhofen) der kirchlich-religiöse Mittelpunkt, doch musste wegen der weiten Entfernungen ein weiterer Pfarrsprengel entstehen. So wurde das Freisinger Gebiet ausgepfarrt und zu einer eigenen Gemeinde vereinigt. Als Seelsorger wurde 1832 von der Pfarrei München der Vikar Johannes Dannheimer bewilligt, der zunächst in Leonhardsbuch, einem kleinen Dorf bei Oberallershausen, Unterkunft fand. Über zwei Jahre lang musste er in zwei winzigen Zimmerchen auch Gottesdienst halten, bei gutem Wetter auf der Wiese vor dem Haus. Zu dieser Zeit gab es im Pfarrsprengel schon auf etwa 550 Gemeindeglieder.
Nachdem einer der Bauern, Johann Boos, den Grund zum Bau von Kirche und Pfarrhaus gestiftet hatte, wurde noch 1834 der Grundstein zum Pfarrhaus gelegt, in das Vikar Dannheimer schon 1835 übersiedeln konnte. Wenige Tage später legte man den Grundstein zur Kirche und konnte sie am 7. Mai 1837 einweihen.
Die Zahl der evangelischen Neubürger nahm ständig zu, da die Preise für Grundstücke, Ackerland und Hofstellen erheblich niedriger lagen als in der Pfalz. Die günstigen Berichte darüber in die alte Heimat ermutigten immer wieder Auswanderungswillige zur Übersiedlung nach Oberbayern.
So kam es, dass 1860 die Freisinger Protestanten von Oberallershausen losgetrennt und in Freising zu einem eigenen Vikariat vereinigt wurden. (Damals waren das etwa 60 Personen – heute ist Freising Sitz eines Evang.-Luth. Dekanats).
Lange Jahre – bis 1876 – diente das Untergeschoss des Pfarrhauses als Schule. In diesem Jahr jedoch wurde das eigene Schulhaus fertiggestellt und der bisherige Schulgehilfe des Vikars als „definitiver Lehrer“ von Oberallershausen ernannt.
Und drei weitere Jahre vergingen, bis ein langgehegter Wunsch der Gemeinde in Erfüllung gehen sollte: als mit dem Dekret Ludwigs II vom 10. April 1879 das Vikariat Oberallershausen zur selbständigen Kirchengemeinde, zur Pfarrei, erhoben wurde. Von da ab gab es ein "Königlich Bayerisches Protestantisches Pfarramt Oberallershausen".
Und das muss man auf der Zunge zergehen lassen...










